Die Bautzener Chorakademie der Generationen – der Erstplatzierte des letztjährigen ALVI-Awards – verbindet Menschen aller Altersstufen, Kulturen und Lebenswelten durch die magische Kraft der Musik. Über mehrere Monate hinweg erarbeiten die Teilnehmenden in Probephasen ein gemeinsames Programm, das im Rahmen eines feierlichen Abschlusskonzerts präsentiert wird.
Dabei steht nicht nur das musikalische Können der Einzelnen im Vordergrund, sondern vor allem die Begegnung, das gemeinsame Lernen und der Austausch zwischen den Generationen.
In diesem Sinne zeigt das Projekt eindrucksvoll, wie Musik als universelle Sprache Brücken zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen bauen kann. Mit rund 600 Besucherinnen und Besuchern beim letztjährigen Konzert hat die Chorakademie ebenfalls bewiesen, welche Strahlkraft von einem solchen generationenübergreifenden Ansatz ausgehen kann.
Die Best-Practice-Beispiele für die Generationenarbeit im Rahmen einer Portraitierung sind als niedrigschwellige Handreichung zu verstehen. Auf dieser Seite geben wir Ihnen eine Übersicht in Kurzform. Das vollständige Porträt zum Generationenhof finden Sie unten auf dieser Seite – als PDF zum lesen und herunterladen.
In welches Handlungsfeld der Generationenarbeit lässt sich das Projekt einordnen?
Soziale Teilhabe, Ehrenamt und Engagement – Das Projekt versinnbildlicht die generationenverbindende Kraft der Musik im Kontext eines Vorhabens, das vollständig auf Engagement und Ehrenamt basiert. Es zeigt, wie freiwilliges Mitwirken nicht nur individuelle Potenziale freisetzen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken kann.
Schwerpunkt der Portraitierung der Chorakademie der Generationen aus Bautzen

Zielgruppen und Generationen
Die Bautzener Chorakademie richtet sich bewusst an ein breites Spektrum von Teilnehmenden. Unabhängig von musikalischen Vorerfahrungen ist sie für alle Altersgruppen offen und verbindet mittlerweile rund 60 Menschen zwischen 16 und 80 Jahren. Gerade diese Vielfalt prägt das gemeinsame Erlebnis. Während die einen zum ersten Mal ihre stimmlichen Möglichkeiten entdecken, können andere ihre langjährig erworbenen Erfahrungen einbringen. Besonders bedeutsam ist die Einbindung junger Sorbinnen und Sorben. Sie erhalten nicht nur die Gelegenheit, ihre Sprache und Kultur einzubringen, sondern übernehmen auch Verantwortung auf der Bühne, beispielsweise in der Moderation oder durch persönliche Beiträge. Letztendlich entsteht dadurch im Hintergrund ein Raum, in dem ebenjene kulturelle Identität sichtbar wird, Wertschätzung erfährt und auf empathische Art und Weise vermittelt wird. Insofern ist dies auch für Teilnehmende ohne sorbischen Hintergrund eine bedeutsame Erfahrung.
Die Mischung aus verschiedenen Altersgruppen und soziokulturellen Hintergründen sorgt dafür, dass das gemeinsame Singen mehr darstellt als reine musikalische Arbeit. Es entsteht ein lebendiges Abbild der Gesellschaft, in dem sich unterschiedliche Generationen gegenseitig inspirieren. Ältere geben Erfahrungen und Gelassenheit weiter, Jüngere hingegen bringen neue Impulse und frische Energie in die gemeinsame Arbeit ein. So wächst aus diesem einzigartigen Chorprojekt ein gelebter Generationendialog.

Umsetzung
Die generationenübergreifenden Leistungen der Bautzener Chorakademie wären ohne ihren konzeptionellen Architekten – Kirchenmusikdirektor Friedemann Böhme – undenkbar. Unter seiner Leitung materialisierte sich der Wunsch, generationenübergreifenden Dialog zu fördern und den Zusammenhalt in einer Region, in der kulturelle Identität und Gemeinschaft lebendig sind, zu stärken.
In der organisatorischen Umsetzung entwickelte sich im letzten Jahr eine klare Struktur heraus. Von Anfang an war es das Ziel, ein Projekt zu schaffen, das nicht nur musikalische Qualität bietet, sondern auch Menschen unterschiedlicher Generationen und Kulturen in Bautzen miteinander verbindet. Dabei konnten sich junge, musikbegeisterte Jugendliche über alle Altersklassen hinweg bis hin zu Menschen im Rentenalter für die Teilnahme bewerben. Viele von ihnen meldeten sich nach öffentlichen Aufrufen in den lokalen Medien. Sodann bereitete sich der Chor über mehrere Monate hinweg in zehn Proben mit professioneller Stimmbildung auf ein großes Abschlusskonzert vor. Das musikalische Repertoire reichte dabei von Werken klassischer Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy oder Louis Lewandowski über liturgische Werke von Jean Langlais oder Siegfried Fietz bis hin zu zeitgenössischen Stücken, wodurch ein vielfältiges musikalisches Programm entstand. Begleitet wurde der Chor von der renommierten Sopranistin Romy Petrick und dem Organisten Johannes Kral.
Eine besondere Rolle bei der Umsetzung spielte das Engagement der Wirtschaft. Über das Netzwerk des Rotary-Club Bautzen/ Budyšin konnten lokale Unternehmen und Institutionen als Unterstützer für das Vorhaben gewonnen werden. Durch diese Unterstützung gab es nicht nur finanzielle Planungssicherheit, sondern auch ein starkes Signal: Wirtschaftliche Akteure übernehmen Verantwortung für das soziale und kulturelle Miteinander in ihrer Region. Dadurch gelang es der Bautzener Chorakademie, ein breites gesellschaftliches Bündnis hinter ihrer Idee zu versammeln.

Wirkung und Ergebnisse
Die Bautzener Chorakademie zeigt eindrucksvoll, welche verbindende Kraft in der Musik liegt. Mit rund 600 Besucherinnen und Besuchern beim letztjährigen Abschlusskonzert hat das Projekt eine große Resonanz erfahren und ein kulturelles Highlight in der Region etabliert. Der Applaus im Konzertsaal kann dabei nicht nur als Ausdruck musikalischer Wertschätzung, sondern auch als hörbares Zeichen für ein interkulturelles und generationenübergreifendes Miteinander in Bautzen gedeutet werden. Insofern hat das Projekt Impulse geschaffen, die weit über seinen eigentlichen musikalischen Rahmen hinausreichen.
Besonders bemerkenswert ist die Wirkung des Projekts gleichwohl auf die Teilnehmenden selbst. Viele von ihnen entdeckten in den Proben ihre stimmlichen Möglichkeiten neu, gewannen Selbstvertrauen und fanden im Chor ein Stück ihrer eigenen Identität. Die Entdeckung ihrer musikalischen Fähigkeiten steht insofern metaphorisch für das Finden der eigenen Rolle in der Gesellschaft. Außerdem fördert das gemeinsame Singen auch die demokratische Teilhabe vor Ort. So kommen Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen und Hintergründen – auch junge Sorbinnen und Sorben – zusammen, um gemeinsam zu singen und sich auszutauschen. In diesem Sinne dient die Musik als Anker für Dialog und Gemeinschaft.

Übertragbarkeit
Die Bautzener Chorakademie lebt von einer besonderen Mischung aus lokalen Gegebenheiten, die nicht eins zu eins auf andere Regionen übertragbar sind. Die explizite Einbindung der sorbischen Sprache und Kultur etwa ist ein Alleinstellungsmerkmal, das hier einen authentischen Bezug zur Geschichte und Gegenwart der Region schafft. In anderen Kontexten könnte dieses Element durch die Einbindung derjenigen regionalen Traditionen und lokalen Identitäten ersetzt werden, die vor Ort existieren. Entscheidend ist es demnach, dass die jeweilige kulturelle Vielfalt sichtbar gemacht und wertgeschätzt wird.
Gleichzeitig bietet das Projekt zahlreiche Bausteine, die sich sehr wohl verallgemeinern lassen und inspirierend wirken können. Dazu gehört die konsequente Öffnung für alle Generationen sowie die gezielte Förderung individueller Stimmbildung, durch die Teilnehmende ihre eigene „Stimme“ im wörtlichen wie im übertragenen Sinne finden. Auch die Verbindung von professioneller musikalischer Leitung mit ehrenamtlichem Engagement erweist sich als Erfolgsfaktor, der vielerorts umsetzbar ist.
Von besonderer Bedeutung ist allerdings die enge Einbindung der Wirtschaft. Dass lokale Unternehmen und Institutionen gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteuren Verantwortung übernehmen, verschafft dem Projekt ein breites, stabiles Fundament und verankert es im gesellschaftlichen Leben. Diese besondere Art der Partnerschaft ist nicht an Bautzen gebunden, sondern ein Modell, das in vielen Städten und Regionen tragfähig sein kann. In diesem Zusammenhang zeigt die Chorakademie, dass Generationenprojekte besonders stark sind, wenn sie von einem breiten Bündnis getragen werden.
Hemmende und fördernde Faktoren
Im Laufe des Projektes zeigten sich sowohl fördernde als auch hemmende Faktoren, die im Folgenden aufgeschlüsselt werden sollen.
Fördernde Faktoren
Aus Sicht der Beteiligten erwies sich die hohe Professionalität der beteiligten Musikerinnen und Musiker als fördernder Faktor. Ihre Zusammenarbeit schuf einen verlässlichen Rahmen, in dem sich auch weniger erfahrene Sängerinnen und Sänger wohlfühlen und entfalten konnten. Ein weiterer Erfolgsfaktor war die intensive Stimmbildung: Logopädinnen übernahmen die stimmliche Begleitung und boten neben der gemeinsamen Probenarbeit auch Einzelunterricht an, was nicht nur zu einem spürbar homogeneren Chorklang führte, sondern auch das Selbstvertrauen der Einzelnen stärkte.
Der Chor selbst setzte sich aus engagierten Laien im Alter zwischen 16 und 80 Jahren zusammen, wobei gerade diese Vielfalt als Stärke bezeichnet wurde. Unterschiedliche Stimmen, Erfahrungen und Lebensgeschichten verschmolzen zu einem gemeinsamen Klangkörper, der generationenübergreifenden Zusammenhalt hör- und spürbar machte. Die Verbindung von professioneller Leitung und laienhaftem Engagement ist damit ein wesentliches Element des Projekts.
Ebenfalls fördernd wirkten aus Sicht der Beteiligten die Unterstützungsleistungen von verschiedenen Akteuren der Stadtgesellschaft. Neben der finanziellen Absicherung durch den Rotary-Club Bautzen/ Budyšin sind in diesem Zusammenhang insbesondere die Bereitstellung eines Proberaums durch die Stadtverwaltung Bautzen und die Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri zu nennen.
Hemmende Faktoren
Natürlich war der Weg der Bautzener Chorakademie nicht frei von Herausforderungen. Da der Chor ausschließlich durch öffentliche Werbung entstand und bewusst auf Aufnahmeprüfungen oder Castings verzichtet wurde, war das musikalische Niveau der Teilnehmenden zunächst unklar. Erst in der ersten gemeinsamen Probe zeigte sich, welche stimmlichen Voraussetzungen tatsächlich vorlagen und wie heterogen die Gruppe in Bezug auf Vorerfahrung und Technik war.
Aus Sicht der Beteiligten wurde dies als explizite Herausforderungen benannt, erforderte die Ausgangslange doch eine entsprechende Flexibilität seitens der musikalischen Leitung. Teile der ausgewählten Chorliteratur sowie der geplante Konzertablauf mussten etwa an die realen Gegebenheiten angepasst werden. Statt als Einschränkung verstanden die Verantwortlichen diese Herausforderung jedoch als Chance: Indem das Programm auf die Möglichkeiten des Chores zugeschnitten wurde, konnte der gemeinsame Lernprozess im Mittelpunkt stehen und das Konzert zugleich ein hoher musikalischer wie sozialer Erfolg werden.
Tipps und Tricks aus Sicht der Beteiligten
Aus Sicht der Beteiligten wurde vor allem die Schaffung einer soliden Basis als äußerst wervolle Stütze des Vorhabens bezeichnet. Neben der professionellen Begleitung durch einen Kirchenmusikdirektor, einer renommierten Sopranistin, einem Organisten und Logopädinnen ist in diesem Zusammanhang insbesondere die finanzielle Basis zu nennen, die durch die Einbindung des Rotary-Clubs Bautzen/ Budyšin geschaffen wurden.
Ebenso wichtig wurde die Fähigkeit des Chorleiters angesehen, flexibel mit bereits benannter Heterogenität des Chors umzugehen, besonders zu Beginn, wenn noch niemand genau weiß, wer welche Fähigkeiten respektive Vorkenntnisse mit in den Raum bringt.
Als besonders wichtiges Gut wurde von Seiten der Beteiligten allerdings eine klare Mischungs aus Strenge und fröhlicher Leichtigkeit im Umgang betont. Menschen jeden Alters wünschen sich eindeutige Ansagen, verständliche Anforderungen und eine Führung, die Orientierung gibt. Das alles muss jedoch stets verbunden seib mit Herzlichkeit und einem positiven Miteinander. Diese Balance schafft Vertrauen, Motivation und ein Umfeld, in dem sich alle wohlfühlen und gemeinsam wachsen können und wurde als Geheimzutat für den Erfolg der Chorakademie gesehen.
Weiterführende Informationen

„Die Auszeichnung mit dem ALVI-Award im letzten Jahr war für uns eine große Ehre und Freude. Sie hat unsere Arbeit sichtbarer gemacht und uns in unserem Engagement bestärkt. Gemeinsam singen und musizieren fördert den Sinn für die Gemeinschaft – dafür, wie sich verschiedene kleine Teile sinnvoll zu einem positiven Ganzen zusammenfügen.“
Friedemann Böhme, Chorleiter
Warum wir die Projekte portraitieren
Ein strukturierter Bewertungsrahmen hilft uns sichtbar zu machen, wie Projekte den Zusammenhalt zwischen Generationen stärken. Am Beispiel der Bautzener Chorakademie zeigt sich, wie unterschiedliche Wirkebenen zusammenkommen: Das Projekt schafft gegenseitiges Verständnis, ermöglicht breite Teilhabe, legt Wert auf den gemeinsamen Lern- und Entwicklungsprozess und baut dauerhafte Strukturen für Begegnung und Zusammenarbeit auf.
So wird nachvollziehbar, wo die Stärken eines Projekts liegen und welches Potenzial für die Weiterentwicklung besteht – ein hilfreicher Kompass, um Generationendenken in der Praxis gezielt zu fördern.
Komplettfassung der Portraitierung zum Download
Verfasser des Portraits zum Generationenhof
Dr. Philipp Thimm | Wissenschaftliche Begleitung & Evaluation

Der Sozial- und Politikwissenschaftler treibt die Entwicklungsarbeit der Sächsischen Generationenagentur weiter voran. Im Mittelpunkt seiner Tätigkeiten stehen die Analyse von Sozialräumen, die Portraitierung von Best-Practice-Beispielen und die Entwicklung eines Bewertungsindexes – etwa für den diesjährigen Generationenaward.
Sie haben Fragen zur Evaluierung oder möchten für eine mögliche Übertragung unterstützt werden?
Kontaktieren Sie Dr. Philipp Thimm: pt@generationen-in-sachsen.de









